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Der nächste Zug - Eine psychologische Kurzgeschichte über Veränderung und Gelassenheit

Autorenbild: windrichtung
windrichtung
vor 4 Tagen
3 Min. Lesezeit

Manchmal investieren wir erstaunlich viel Kraft in den Versuch, etwas zu verändern, das sich gerade nicht verändern lässt. Dabei kann es hilfreich sein, einen Moment innezuhalten und zu überlegen, ob vielleicht ein anderer Weg zum gewünschten Ziel führt.

Ein Mann stand auf einem Bahnsteig und drückte mit aller Kraft gegen einen Zug.

Seine Schuhe quietschten auf dem Boden, seine Stirn glänzte vor Schweiß, und sein Gesicht war knallrot.

Doch der Zug bewegte sich keinen Zentimeter.

Ein Passant blieb stehen und betrachtete das Schauspiel.

„Verzeihung“, fragte er schließlich, „was machen Sie denn da?“

„Wonach sieht es denn aus?“, keuchte der Mann. „Ich versuche, diesen verdammten Zug in Bewegung zu bringen!“

„Ach so.“

Der Passant nickte nachdenklich.

„Und? Funktioniert es?“

Der Mann warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

„Sehen Sie vielleicht, dass er sich bewegt?“

„Nein, eigentlich nicht.“

„Na also!“

Der Mann stemmte sich erneut gegen den Waggon.

Der Passant wartete eine Weile.

„Darf ich fragen, warum Sie den Zug verschieben möchten?“

„Weil ich nach Hause will!“

„Verstehe. Und wo wohnen Sie?“

Der Mann nannte einen Ort.

„Ah“, sagte der Passant. „Eine schöne Gegend.“

„Mag sein!“, schnaufte der Mann. „Aber davon komme ich auch nicht schneller hin!“

„Nein, vermutlich nicht.“

Wieder herrschte Schweigen, unterbrochen vom angestrengten Schnaufen des Mannes.

Schließlich fragte der Passant:

„Haben Sie schon einmal versucht, den Zug von der anderen Seite zu schieben?“

Der Mann hielt inne.

„Was soll das denn bringen?“

„Keine Ahnung. Ich dachte nur, vielleicht wäre es einen Versuch wert.“

Der Mann überlegte kurz, ging um den Zug herum und drückte von der anderen Seite dagegen.

Nichts geschah.

„Sehen Sie!“, rief er triumphierend. „Genauso wenig!“

„Tatsächlich“, bestätigte der Passant.

„Haben Sie vielleicht noch so einen klugen Vorschlag?“

Der Passant kratzte sich am Kopf.

„Nun, ich kenne mich mit Zügen nicht besonders gut aus. Aber vielleicht könnte man jemanden fragen, der etwas davon versteht.“

„Den Lokführer?“

„Zum Beispiel.“

Der Mann blickte zum Führerstand.

„Der ist nicht da.“

„Ach.“

„Und überhaupt! Ich habe schon so viel Zeit und Kraft investiert. Jetzt kann ich doch nicht einfach aufgeben!“

Der Passant nickte verständnisvoll.

„Das wäre wirklich schade um die ganze Mühe.“

„Eben!“

Der Mann stellte sich erneut gegen den Waggon.

Diesmal nahm er sogar Anlauf.

Es schepperte.

Der Zug blieb stehen, der Mann nicht.

Der Mann setzte sich schließlich erschöpft auf eine Bank.

Eine Weile schwiegen beide.

Dann fragte der Passant:

„Sagen Sie, möchten Sie eigentlich unbedingt diesen Zug bewegen?“

Der Mann sah ihn verständnislos an.

„Wie bitte?“

„Oder möchten Sie nach Hause?“

„Natürlich möchte ich nach Hause! Das habe ich Ihnen doch gesagt!“

„Ach so“, sagte der Passant und deutete auf die Anzeigetafel. „Dann wäre vielleicht der Zug auf Gleis zwei etwas für Sie. Der fährt genau dorthin.“

Der Mann blickte zur Anzeigetafel.

„In zwei Stunden!“, rief er empört. „Soll ich etwa zwei ganze Stunden hier herumstehen und nichts tun?“

„Nun, Sie könnten sich auch setzen.“

„Sehr witzig!“

Er betrachtete den Zug, gegen den er sich zuvor mit aller Kraft gestemmt hatte.

„Zwei Stunden“, murmelte er kopfschüttelnd. „In dieser Zeit könnte ich den hier längst in Bewegung gebracht haben.“

„Meinen Sie?“

„Einen Versuch ist es jedenfalls wert!“

Entschlossen packte er einen Griff am Waggon, stemmte die Füße gegen den Boden und begann zu ziehen.

Er zog mit beiden Händen, verlagerte sein ganzes Gewicht nach hinten und lehnte sich so weit zurück, dass er beinahe das Gleichgewicht verlor.

Der Zug rührte sich nicht.

Nach einigen weiteren Versuchen ließ der Mann erschöpft los.

„Verdammtes Ding!“

Er setzte sich auf die Bank und starrte auf seine Schuhe.

Der Passant nahm neben ihm Platz.

Eine Weile schwiegen beide.

„Zwei Stunden also“, sagte der Mann schließlich.

„Zwei Stunden.“

Der Mann seufzte.

„Na gut. Dann werde ich eben warten müssen.“

Er blickte auf die Bahnhofsuhr.

„Aber was mache ich denn jetzt so lange?“

Der Passant deutete auf ein kleines Café am anderen Ende des Bahnsteigs.

„Ich wollte mir gerade einen Kaffee holen. Möchten Sie mich begleiten?“

Der Mann überlegte kurz.

„Warum eigentlich nicht?“

Und so gingen die beiden ins Café.

Sie bestellten Kaffee, unterhielten sich über das Wetter, ihre Familien und allerlei andere Dinge. Der Mann erzählte von seiner Arbeit, der Passant von einer Reise, die er vor Kurzem unternommen hatte. Bald lachten sie über ihre Geschichten.

Als der Mann schließlich auf die Uhr blickte, erschrak er.

„Du meine Güte! Mein Zug fährt ja gleich!“

Hastig griff er nach seiner Tasche und stand auf.

„Vielen Dank für die nette Gesellschaft!“

„Ganz meinerseits“, erwiderte der Passant.

Der Mann eilte zur Tür, blieb jedoch noch einmal stehen.

„Wissen Sie“, sagte er lächelnd, „Sie haben mich erinnert: das Leben findet zwischen den Fahrplänen statt.“

Dann verabschiedete er sich und machte sich auf den Weg zu Gleis zwei.

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