Genuss - eine Kurzgeschichte

Eine Kurzgeschichte über Achtsamkeit und den Unterschied zwischen Denken und Erleben
Genuss klingt zunächst einfach. Doch gerade Menschen, die viel nachdenken, unter Stress stehen oder ständig mit ihren Gedanken beschäftigt sind, fällt es manchmal schwer, angenehme Momente bewusst wahrzunehmen.
In der Psychotherapie kann es deshalb auch darum gehen, neben dem Verstehen und Analysieren wieder einen besseren Zugang zum eigenen emotionalen und körperlichen Erleben zu finden.
Eine kleine Geschichte über Genuss, Achtsamkeit und den Unterschied zwischen dem Nachdenken über Gefühle und dem tatsächlichen Spüren.
„Was ist für mich Genuss?“
Er wiederholte die Frage leise vor sich hin.
Eine gute Frage. Eigentlich hatte er sich darüber noch nie besonders viele Gedanken gemacht. Natürlich verband er Genuss mit gutem Essen. Wobei er sich eingestehen musste, dass er häufig eher schlang, als wirklich zu genießen.
Aber Genuss im Allgemeinen?
Da hatte ihn seine Psychotherapeutin auf etwas gebracht.
„Urlaub“, hatte er schließlich geantwortet. „Am besten drei Wochen. Eine Woche zum Runterkommen, eine Woche zum Genießen und eine Woche, um mich wieder auf die Arbeit einzustellen.“
„Leider viel zu selten“, fügte er lachend hinzu.
Die Therapeutin lächelte verschmitzt.
Was hatte sie denn nun wieder vor?
„Was bedeutet Urlaub für Sie?“, fragte sie.
Er stutzte.
„Na ja, kommt darauf an. Ich bin ganz gerne am Meer. Strand, Cocktails, Faulenzen und so.“
„Und was genau genießen Sie daran?“
„Die Atmosphäre?“, antwortete er fragend.
„Was macht diese Atmosphäre aus?“
Er überlegte.
„Pff. Ich weiß nicht. Es ist mehr so ein Gefühl. Gelassenheit irgendwie.“
Langsam hatte er den Eindruck, auf dem Holzweg zu sein. Und damit war ausnahmsweise kein Steg ins Meer gemeint.
„Ein Gefühl also“, wiederholte die Therapeutin und lehnte sich zurück.
War das Fragenspiel nun vorbei?
Die Stille, die folgte, war ihm unangenehm. Eigentlich sogar noch unangenehmer als die vielen Fragen.
„Ja, ein angenehmes Gefühl“, ergänzte er hastig.
Er räusperte sich.
Die Therapeutin schwieg.
Er räusperte sich erneut.
Allmählich spürte er jene vertraute Unruhe aufsteigen, die sich so häufig in ungewissen Situationen bemerkbar machte.
Was erwartete sie von ihm? Hatte er etwas falsch verstanden?
Schließlich fragte sie:
„Und wie fühlen Sie sich gerade?“
„Wie bitte?“
„Jetzt, in diesem Moment. Wie fühlt sich das Schweigen für Sie an?“
„Unangenehm“, antwortete er. „Ich weiß nicht, was Sie von mir erwarten.“
Sie nickte.
„Das klingt gerade nicht besonders genussvoll.“
Er musste lachen.
„Nein, wirklich nicht.“
Eine Weile schwiegen beide. Diesmal fühlte sich die Stille schon etwas anders an.
„Vielleicht könnten wir es einmal anders versuchen“, schlug die Therapeutin vor. „Sie haben vom Meer erzählt. Wenn Sie möchten, können Sie sich einen Moment Zeit nehmen und sich an einen dieser Urlaube erinnern. Nicht daran, was Sie dort gemacht haben, sondern wie es sich angefühlt hat.“
Er lehnte sich zurück.
Zunächst tauchten nur einzelne Bilder auf. Ein Strand, das Meer, ein Sonnenschirm.
Doch allmählich wurden die Erinnerungen lebendiger.
Er roch das Meer, die Sonnencreme und den Duft der Pflanzen entlang der Küste. Er spürte den warmen Sand unter seinen Füßen und den Wind auf seiner Haut.
In der Ferne hörte er Kinder lachen, Stimmen durcheinanderreden und Möwen kreischen. Dazwischen das gleichmäßige Rauschen der Wellen - seine Gedankenstrom hörte er nicht.
Fast meinte er, die Wärme der Sonne auf seinem Gesicht zu spüren.
Und dann war da noch der fruchtige Geschmack einer kühlen Getränks.
Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Sie wirken gerade ziemlich entspannt“, bemerkte die Therapeutin.
Er öffnete die Augen.
„Ja“, sagte er erstaunt. „Das war schön.“
Sie lächelte.
„Und was würden Sie jetzt sagen: Was ist für Sie Genuss?“
Er überlegte kurz.
Dann lächelte er wieder, lehnte sich entspannt zurück und sagte:
"Ach, lassen Sie mich das einfach genießen!".
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