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Scham und Stolz – eine psychologische Kurzgeschichte

Autorenbild: windrichtung
windrichtung
vor 4 Tagen
4 Min. Lesezeit

Scham und Stolz sind zwei Gefühle, die auf den ersten Blick gegensätzlich erscheinen. Während Scham häufig mit Selbstzweifeln, Unsicherheit und dem Wunsch, sich zurückzuziehen, verbunden ist, kann Stolz unser Selbstwertgefühl stärken und uns helfen, für uns einzustehen. Beide Gefühle erfüllen jedoch wichtige Funktionen in unserem sozialen Miteinander.

Die folgende Kurzgeschichte erzählt von einer Begegnung zwischen diesen beiden Gefühlen und davon, wie sie einander vielleicht mehr zu geben haben, als zunächst vermutet.

Einst saß die Scham auf einem Stein am Rande eines Weges und weinte bitterlich.

Ein Passant, der des Weges kam, bemerkte die traurige Gestalt und blieb stehen.

„Was ist Euch denn zugestoßen?“, fragte er.

Die Scham erschrak. Hastig wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Nichts, nichts. Geht nur weiter.“

Der Passant zögerte.

„Verzeiht. Ich wollte Euch nicht stören.“

Er wollte sich gerade wieder auf den Weg machen, als die Scham leise murmelte:

„Es ist ohnehin besser, wenn Ihr geht.“

„Warum das?“

„Weil ich niemandem etwas Gutes bringe.“

Der Passant wandte sich ihr wieder zu.

„Das ist aber ein schweres Urteil.“

„Ein gerechtes“, entgegnete die Scham. „Ich bereite den Menschen nur Kummer. Ich verderbe ihnen die Freude, lasse sie an sich zweifeln und erinnere sie an Dinge, die sie am liebsten vergessen würden.“

„Und dafür sitzt Ihr hier?“

„Wo sollte ich denn sonst sein?“

Der Passant betrachtete den Stein, auf dem sie saß.

„Bequem sieht es jedenfalls nicht aus.“

Die Scham blickte ihn missmutig an.

„Ihr macht Euch wohl lustig über mich.“

„Nein. Ich frage mich nur, ob Ihr Euch nicht einen freundlicheren Platz aussuchen könntet.“

„Freundlicher?“, wiederholte die Scham bitter. „Ich bin froh, wenn mich niemand sieht.“

Sie zog die Schultern hoch und wandte sich ab.

Eine Weile standen beide schweigend da.

„Wisst Ihr“, begann der Passant schließlich, „ich kenne jemanden, der Euch vielleicht ähnlich ist.“

Die Scham seufzte.

„Dann bedauere ich ihn.“

„Das müsst Ihr nicht. Er macht sich ziemlich wichtig, spricht gerne von seinen Erfolgen und ist überzeugt, dass die Welt ohne ihn ein ärmerer Ort wäre.“

Die Scham schnaubte.

„Ein unausstehlicher Kerl.“

„Manchmal, ja.“

„Und Ihr seid mit ihm befreundet?“

„Nicht immer.“

Zum ersten Mal blickte die Scham den Passanten neugierig an.

„Dann verstehe ich nicht, warum Ihr mir von ihm erzählt.“

„Vielleicht, weil ich ihn heute ein wenig besser verstehe als sonst.“

Die Scham runzelte die Stirn.

„Was hat das mit mir zu tun?“

„Das weiß ich noch nicht so genau.“

Er setzte sich neben sie auf den Stein.

Die Scham rückte ein Stück zur Seite.

„Was macht Ihr denn da?“

„Ich setze mich.“

„Das sehe ich.“

„Nun, Ihr scheint Gesellschaft nicht gewohnt zu sein. Ich dachte, ich versuche es einmal.“

„Ihr verschwendet Eure Zeit.“

„Mag sein.“

„Ihr könntet längst weiter sein.“

„Auch das.“

Die Scham wusste darauf nichts zu erwidern.

Nach einer Weile fragte der Passant:

„Warum seid Ihr eigentlich so überzeugt, dass niemand Euch haben möchte?“

„Weil ich den Menschen ihre Fehler vor Augen halte. Weil ich sie klein mache. Weil ich ihnen den Mut nehme.“

„Immer?“

Die Scham wollte antworten, hielt jedoch inne.

„Oft genug.“

„Und was geschähe, wenn es Euch überhaupt nicht gäbe?“

„Dann wären die Menschen vermutlich glücklicher.“

„Vielleicht“, sagte der Passant. „Oder manche würden Dinge tun, für die sie sich besser ein wenig schämen sollten.“

Die Scham sah ihn überrascht an.

„Ihr meint, ich könnte auch zu etwas gut sein?“

„Ich halte es zumindest für möglich.“

Sie dachte darüber nach.

„Das hat noch niemand so gesagt.“

„Vielleicht habt Ihr auch nicht immer zugehört.“

Die Scham senkte den Blick.

„Seht Ihr! Schon wieder mache ich etwas falsch.“

Der Passant verzog das Gesicht.

„Das war nun wirklich ungeschickt von mir.“

Die Scham blickte auf.

„Von Euch?“

„Ja. Ich wollte klug sein und habe Euch gekränkt.“

Sie musterte ihn eine Weile.

„Das hätte ich von Euch nicht erwartet.“

„Ich auch nicht“, antwortete er.

Da musste die Scham, gegen ihren Willen, ein wenig lächeln.

Der Passant bemerkte es, sagte jedoch nichts.

Nach einer Weile fragte sie:

„Wer seid Ihr eigentlich?“

Er richtete sich auf, strich seinen Mantel glatt und antwortete mit einer gewissen Feierlichkeit:

„Mein Name ist Stolz.“

Die Scham starrte ihn an.

„Stolz?“

„Zu Euren Diensten.“

„Ihr?“

„Ja, ich.“

Sie betrachtete ihn von oben bis unten.

Dann begann sie zu lachen.

„Jetzt erkenne ich Euch! Ihr seid doch dieser aufgeblasene Kerl, der sich über alles hinwegsetzt!“

Der Stolz hob eine Augenbraue.

„Aufgeblasen?“

„Und eitel! Und überheblich!“

„Nun übertreibt einmal nicht.“

„Seht Ihr? Schon wieder!“

Der Stolz öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder.

„Vielleicht habt Ihr recht“, räumte er schließlich ein.

Die Scham schüttelte den Kopf.

„Ausgerechnet Ihr setzt Euch zu mir. Ich hätte gedacht, Ihr könnt mich nicht ausstehen.“

„Das habe ich auch lange geglaubt.“

„Und jetzt?“

Der Stolz blickte den Weg entlang.

„Jetzt frage ich mich, ob ich ohne Euch nicht schon manches Mal ziemlich dumm dagestanden wäre.“

Die Scham schwieg.

„Ihr habt mich gelegentlich daran erinnert, dass nicht alles, was ich für großartig halte, auch großartig ist“, fuhr er fort. „Zugegeben, manchmal wart Ihr dabei etwas aufdringlich.“

„Und Ihr erinnert mich daran, dass ich mich nicht immer falsch sein muss“, erwiderte die Scham.

Der Stolz lächelte.

„Das klingt, als hätten wir einander doch etwas zu bieten.“


Der Stolz stand auf und klopfte sich den Staub von seinem Mantel.

„Ich wollte eigentlich weiter.“

Die Scham nickte und senkte den Blick.

Nach einigen Schritten blieb der Stolz stehen und drehte sich um.

„Allerdings“, sagte er, „wäre mir Gesellschaft ganz recht.“

Die Scham blickte auf.

„Meine?“

„Wessen denn sonst?“

Sie zögerte.

Dann stand sie langsam auf.

„Aber ich warne Euch. Ich bin keine besonders angenehme Reisebegleiterin.“

Der Stolz grinste.

„Das ist zumindest aufrichtig“

Und so machten sich die beiden gemeinsam auf den Weg.

Sie waren sich nicht immer einig. Manchmal ging der Stolz zu schnell, manchmal blieb die Scham zu lange stehen.

Doch hin und wieder wartete einer auf den anderen.

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