Scham – zwischen Zugehörigkeit und Selbstzweifel

Aktualisiert: vor 16 Stunden

Scham gehört wohl zu jenen Gefühlen, mit denen wir besonders ungern Bekanntschaft machen.
Wer kennt nicht den Wunsch, nach einer peinlichen Situation am liebsten im Boden versinken zu wollen? Vielleicht haben wir etwas Unpassendes gesagt, einen Fehler gemacht oder uns in einem Moment gezeigt, in dem wir uns lieber von einer anderen Seite präsentiert hätten.
Dabei ist Scham keineswegs nur ein unangenehmer Begleiter. Sie erfüllt auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion.
Scham als soziales Gefühl
Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir möchten dazugehören, anerkannt werden und unseren Platz innerhalb einer Gemeinschaft finden. Scham kann uns dabei helfen, unser Verhalten im Hinblick auf andere Menschen zu reflektieren und soziale Grenzen wahrzunehmen.
Man könnte in diesem Zusammenhang von einer gesunden oder angemessenen Scham sprechen.
Sie erinnert uns daran, dass unser Handeln nicht ausschließlich uns selbst betrifft.
Allerdings sind gesellschaftliche Erwartungen nicht immer vernünftig oder gerecht. Was in einer Gemeinschaft als beschämend gilt, kann in einer anderen völlig selbstverständlich sein. Und nicht jede Abweichung von einer sozialen Norm ist tatsächlich problematisch.
Scham ist also nicht automatisch ein zuverlässiger Hinweis darauf, dass wir etwas falsch gemacht haben.
Wenn Scham über das Ziel hinausschießt
Schwierig wird es, wenn Scham nicht mehr nur eine vorübergehende Reaktion auf eine bestimmte Situation bleibt, sondern zunehmend unser Selbstbild beeinflusst.
Vielleicht kennen Sie den Unterschied zwischen den Gedanken „Das war mir jetzt peinlich“ und „Ich bin einfach peinlich“.
Im ersten Fall erleben wir eine unangenehme Situation. Im zweiten beginnen wir, uns selbst infrage zu stellen.
Eine solche Scham kann den Selbstwert erheblich belasten. Besonders dann, wenn Menschen wiederholt beschämende Erfahrungen gemacht haben oder sich an Maßstäben orientieren, denen sie kaum gerecht werden können.
Beschämung kann dabei von außen kommen, etwa durch Bloßstellung, Abwertung oder Ausgrenzung. Sie kann aber auch Teil unseres inneren Umgangs mit uns selbst werden.
Und manchmal schämen wir uns sogar für Dinge, für die wir keinerlei Verantwortung tragen.
Ein Gefühl mit unterschiedlichen Gesichtern
Scham ist nicht immer leicht zu erkennen. Manchmal tritt sie sehr deutlich in Erscheinung: Wir erröten, senken den Blick, fühlen uns klein oder möchten uns am liebsten unsichtbar machen.
Doch nicht immer zeigt sie sich so offensichtlich.
Vielleicht erleben wir vor allem Anspannung, einen unangenehmen Druck im Körper, Hitze oder innere Unruhe. Vielleicht beginnen wir, uns zu rechtfertigen, ziehen uns zurück oder reagieren ausgesprochen gereizt.
Gerade im Zusammenspiel mit anderen Gefühlen kann Scham beinahe unbemerkt auftreten.
Ein Beispiel dafür ist die Wut. Wer sich bloßgestellt fühlt, reagiert möglicherweise mit Ärger auf jene Menschen, durch die er sich beschämt erlebt. Wut kann dabei auch eine Möglichkeit sein, sich abzugrenzen und das eigene Selbstwertgefühl zu schützen.
Manchmal richtet sich die Wut jedoch gegen uns selbst.
„Wie konnte ich nur so dumm sein?“
„Warum habe ich wieder so reagiert?“
Dann ist mitunter schwer zu unterscheiden, ob wir gerade wütend auf uns selbst sind, uns schämen oder beides gleichzeitig erleben.
Nicht jede Selbstwut ist Ausdruck von Scham. Aber es kann sich lohnen, genauer hinzusehen, welche Gefühle sich hinter unserer ersten Reaktion noch verbergen.
Scham und Schuld – ein wichtiger Unterschied
Eng miteinander verwandt sind Scham und Schuld. Beide Gefühle können uns dabei unterstützen, unser Verhalten gegenüber anderen Menschen zu reflektieren.
Ein wesentlicher Unterschied liegt jedoch darin, worauf sich unsere Bewertung richtet.
Schuld bezieht sich häufig auf eine bestimmte Handlung: „Ich habe etwas falsch gemacht.“
Scham betrifft dagegen oft stärker die eigene Person: „Ich bin falsch.“
Diese Unterscheidung ist natürlich nicht immer eindeutig. Auch Schuldgefühle können unser Selbstbild erschüttern, und Scham kann durch eine ganz konkrete Handlung ausgelöst werden.
Dennoch macht es einen Unterschied, ob wir eine Handlung bereuen oder uns als Mensch grundsätzlich abwerten.
Wenn ich etwas falsch gemacht habe, kann ich möglicherweise Verantwortung übernehmen, mich entschuldigen oder versuchen, den entstandenen Schaden wiedergutzumachen.
Wenn ich hingegen überzeugt bin, selbst falsch zu sein, wird es schwieriger. Denn wie soll man einen Fehler korrigieren, wenn man sich selbst für den Fehler hält?
Der Vergleich mit anderen – und mit uns selbst
Scham entsteht nicht ausschließlich im direkten Kontakt mit anderen Menschen. Manchmal genügt bereits der Gedanke daran, wie wir im Vergleich zu anderen abschneiden.
Andere scheinen erfolgreicher, selbstbewusster, attraktiver oder gelassener zu sein. Zumindest aus unserer Perspektive.
Besonders anspruchsvoll kann allerdings der Vergleich mit einem Menschen werden, den es in dieser Form vielleicht gar nicht gibt: unserem idealen Selbst.
„In meinem Alter müsste ich eigentlich schon weiter sein.“
„Andere schaffen das doch auch.“
„Ich sollte mich nicht so anstellen.“
Hohe Ansprüche sind dabei nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. Sie können uns Orientierung geben und zu Entwicklung motivieren.
Schwierig wird es, wenn wir unseren persönlichen Wert zunehmend davon abhängig machen, ob wir diesen Ansprüchen gerecht werden.
Dann kann aus einem erstrebenswerten Ziel ein Maßstab werden, an dem wir uns immer wieder selbst abwerten.
Wenn der innere Kritiker die Scham verstärkt
Vielleicht kennen Sie eine innere Stimme, die besonders dann aktiv wird, wenn etwas nicht nach unseren Vorstellungen gelaufen ist.
Eine Stimme, die Fehler zuverlässig entdeckt, unangenehme Situationen ausführlich analysiert und uns gelegentlich mit einer Strenge begegnet, die wir anderen Menschen kaum zumuten würden.
Wir könnten sie unseren inneren Kritiker nennen.
Interessanterweise muss dieser Kritiker nicht ausschließlich gegen uns arbeiten. Manchmal versucht er sogar, uns vor weiteren unangenehmen Erfahrungen zu schützen.
Seine Überlegung könnte ungefähr so lauten:
„Wenn ich nur streng genug aufpasse, dass du keine Fehler machst, kann dich auch niemand beschämen.“
Ein durchaus nachvollziehbarer Versuch. Nur leider nicht immer besonders erfolgreich.
Denn je stärker wir uns selbst kontrollieren und beurteilen, desto größer kann die Angst werden, etwas falsch zu machen. Wir werden unsicherer, beobachten uns noch genauer und reagieren möglicherweise empfindlicher auf vermeintliche Fehler.
So kann ein Kreislauf entstehen, in dem der Versuch, Scham zu vermeiden, selbst zu weiterer Scham beiträgt.
Manchmal kommt sogar noch eine zusätzliche Ebene hinzu: Wir schämen uns dafür, dass wir uns überhaupt schämen.
„Warum bin ich nur so empfindlich?“
„Warum kann ich nicht einfach darüberstehen?“
Aus einem unangenehmen Gefühl wird damit möglicherweise gleich der nächste Grund, uns selbst zu kritisieren.
Und was ist mit dem Stolz?
Wenn wir über Scham sprechen, sollten wir ihren möglichen Gegenpol nicht vergessen: den Stolz.
Während Scham uns mitunter das Gefühl vermittelt, falsch oder unzulänglich zu sein, kann Stolz uns daran erinnern, dass wir etwas gut gemacht haben, etwas geschafft haben oder mit uns selbst zufrieden sein dürfen.
Scham sagt vielleicht: „Ich bin falsch.“
Stolz antwortet: „Ich bin richtig.“
Natürlich ist auch Stolz nicht immer unproblematisch. Wenn wir unseren Wert ausschließlich aus Leistung, Anerkennung oder dem Vergleich mit anderen beziehen, kann er uns ebenso unter Druck setzen.
Vielleicht geht es deshalb weniger darum, die Scham durch Stolz zu ersetzen, sondern beiden Gefühlen einen angemessenen Platz einzuräumen.
Wir dürfen Fehler machen, ohne deshalb als Mensch falsch zu sein. Und wir dürfen auf uns stolz sein, ohne uns dadurch über andere stellen zu müssen.
Mit diesem Zusammenspiel beschäftigt sich auch meine psychologische Kurzgeschichte „Scham und Stolz“, in der sich die beiden Gefühle auf eine gemeinsame Reise begeben.
Ein Blick auf unser inneres Team
In der Psychotherapie kann es hilfreich sein, unterschiedliche Seiten unseres Erlebens als innere Anteile zu betrachten.
Stellen wir uns diese Anteile einmal als Mitarbeiter eines metaphorischen inneren Teams vor. Manche sind besonders vorsichtig, andere mutig, wieder andere möchten Konflikte vermeiden oder dafür sorgen, dass wir möglichst keine Fehler machen.
Unser innerer Kritiker wäre möglicherweise ein ausgesprochen gewissenhafter Mitarbeiter. Einer, der seine Aufgabe sehr ernst nimmt, dabei aber gelegentlich übers Ziel hinausschießt.
Anstatt ihn einfach zum Schweigen bringen zu wollen, könnten wir zunächst versuchen, ihn besser kennenzulernen.
Wovor möchte er uns schützen? Welche Befürchtungen treiben ihn an? Und was würden vielleicht andere Mitglieder unseres inneren Teams dazu sagen?
Bei der therapeutischen Teilearbeit geht es unter anderem darum, solche unterschiedlichen inneren Perspektiven sichtbar zu machen, ihre Funktionen besser zu verstehen und neue Möglichkeiten im Umgang miteinander zu entwickeln.
Dabei handelt es sich um ein bildhaftes Modell unseres inneren Erlebens, nicht um tatsächlich voneinander getrennte Persönlichkeiten.
Auf diese Form der psychotherapeutischen Arbeit möchte ich in einem weiteren Blogbeitrag näher eingehen.
Denn vielleicht müssen wir nicht jede unangenehme innere Stimme loswerden. Manchmal kann es bereits einen Unterschied machen, wenn wir beginnen, ihr zuzuhören, ohne ihr deshalb in allem recht geben zu müssen.



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