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Selbstwert – muss ich mich eigentlich bewerten, um mich anzunehmen?

Autorenbild: windrichtung
windrichtung
vor 3 Tagen
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 15 Stunden


Wir alle haben Vorstellungen davon, wie wir gerne sein möchten. Vielleicht möchten wir erfolgreich, liebenswert, kompetent oder besonders belastbar sein. Wir vergleichen uns mit anderen, bewerten unsere Fähigkeiten und ziehen daraus Rückschlüsse auf unseren eigenen Wert.

Da wir nicht im luftleeren Raum leben, stehen wir in ständiger Wechselwirkung mit unserer Umgebung. Unsere Identität und unser Selbstbild entwickeln sich auch durch die Erfahrungen, die wir mit anderen Menschen machen, durch gesellschaftliche Erwartungen und die Rückmeldungen, die wir erhalten. In einer Gesellschaft, in der Leistung, Erfolg und Selbstoptimierung einen hohen Stellenwert einnehmen, kann dabei leicht der Eindruck entstehen, dass auch unser persönlicher Wert davon abhängt, was wir leisten oder wie wir uns präsentieren.

Doch was bedeutet es eigentlich, einen Wert zu haben? Und müssen wir diesen Wert erst durch Leistung, Anerkennung oder Erfolg unter Beweis stellen?


Wenn der eigene Wert ins Wanken gerät


Was passiert, wenn wir unseren eigenen Erwartungen nicht gerecht werden? Wenn uns etwas misslingt, wir zurückgewiesen werden oder andere scheinbar mühelos erreichen, woran wir selbst scheitern?

Nicht selten meldet sich dann eine innere kritische Stimme, die unsere Fehler und Schwächen besonders deutlich hervorhebt. Während wir anderen gegenüber durchaus verständnisvoll sein können, gehen wir mit uns selbst manchmal hart ins Gericht.

Oft glauben wir, dass wir uns selbst antreiben und kritisch hinterfragen müssen, um uns weiterzuentwickeln. Der innere Kritiker soll uns helfen, Fehler zu vermeiden, besser zu werden und den Erwartungen anderer gerecht zu werden.

Doch was als Motivation gedacht ist, kann auch dazu führen, dass wir unser intrapsychisches System zunehmend unter Druck setzen. Erfolge werden selbstverständlich, während Fehler und vermeintliche Schwächen immer mehr Aufmerksamkeit bekommen.


Die zwei Seiten des Selbstwerts


Ein positives Selbstwertgefühl kann uns stärken. Es hilft uns, Vertrauen in unsere Fähigkeiten zu entwickeln, Herausforderungen anzunehmen und uns selbst etwas zuzutrauen.

Doch unser Selbstwert kann auch schwankend und verletzlich sein. Besonders dann, wenn wir ihn stark an äußere Bedingungen knüpfen. An das, was wir leisten, erreichen oder an Anerkennung, die wir von anderen erhalten.

Solange uns vieles gelingt, fühlen wir uns vielleicht wertvoll und kompetent. Doch was geschieht, wenn wir scheitern, kritisiert werden oder unseren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden?

Vielleicht liegt genau hier eine Schwierigkeit: Wenn wir unseren Wert ständig unter Beweis stellen müssen, wird er zu etwas, das wir auch jederzeit wieder verlieren können.


Selbstmitgefühl als alternative Perspektive


Vielleicht liegt die Lösung nicht immer darin, unseren Selbstwert weiter steigern zu müssen.

Das Konzept des Selbstmitgefühls eröffnet hier eine andere Perspektive. Statt uns ständig zu bewerten und danach zu fragen, ob wir gut genug sind, können wir versuchen, uns selbst mit mehr Freundlichkeit und Verständnis zu begegnen.

Dabei geht es nicht darum, eigene Fehler schönzureden, Schwierigkeiten zu verdrängen oder sich selbst grundsätzlich recht zu geben. Vielmehr darum, auch in schwierigen Momenten verständnisvoll mit sich umzugehen – so, wie wir es vielleicht bei einem Menschen tun würden, der uns nahesteht.


Das innere Gericht


Manchmal scheint es, als würden wir ein inneres Gericht mit uns herumtragen. Ein Gericht, in dem wir gleichzeitig Ankläger, Richter und Angeklagter sind. Fehler werden zu Beweisen unserer Unzulänglichkeit, während entlastende Umstände kaum Beachtung finden. Das Urteil steht dabei nicht selten schon im Voraus fest.

Selbstmitgefühl könnte bedeuten, diesem inneren Gericht eine weitere Stimme hinzuzufügen. Eine Stimme, die nicht alles gutheißt, aber Verständnis für unsere Schwierigkeiten aufbringt und auch die entlastenden Umstände berücksichtigt.

Stellen wir uns die Frage: Wie würde ich mit einem guten Freund umgehen, der sich gerade in einer ähnlichen Situation befindet? Würde ich ihn ebenso streng beurteilen, wie ich es manchmal mit mir selbst tue?

Dabei geht es nicht darum, auf persönliche Entwicklung zu verzichten, sondern eine innere Haltung zu entwickeln, die uns auch in schwierigen Momenten unterstützt, anstatt uns zusätzlich unter Druck zu setzen.


Ein freundlicherer Umgang mit uns selbst


Selbstmitgefühl bedeutet nicht, dass wir keine Fehler mehr machen oder uns nicht mehr weiterentwickeln möchten.

Vielmehr geht es darum, anzuerkennen, dass Fehler, Unsicherheiten und persönliche Grenzen zum Menschsein dazugehören. Wir müssen nicht immer stark, erfolgreich oder zufrieden mit uns selbst sein, um uns mit Verständnis zu begegnen.

Vielleicht können wir lernen, uns selbst nicht nur an unseren Leistungen und vermeintlichen Schwächen zu messen, sondern uns auch in schwierigen Momenten als Menschen mit Bedürfnissen, Gefühlen und Grenzen wahrzunehmen.


Selbstmitgefühl bedeutet nicht, unsere Ansprüche aufzugeben oder uns mit allem zufriedenzugeben. Wir dürfen ehrgeizig sein, Ziele verfolgen und uns weiterentwickeln wollen.

Die entscheidende Frage ist vielleicht, wie wir uns auf diesem Weg selbst begegnen. Ob wir uns durch Druck, Angst vor Fehlern und Selbstkritik antreiben oder ob wir lernen, auch mit unseren Unzulänglichkeiten konstruktiv umzugehen.

Vielleicht ist nicht nur entscheidend, was wir erreichen, sondern auch, wie wir mit uns selbst auf dem Weg dorthin umgehen.


Selbstmitgefühl in der Psychotherapie


In der Psychotherapie kann es darum gehen, die eigenen Bewertungsmuster besser kennenzulernen und zu verstehen, wie diese entstanden sind. Welche Erwartungen stellen wir an uns selbst? Welche Stimmen prägen unser Selbstbild? Und wie könnten wir einen verständnisvolleren Umgang mit uns selbst entwickeln?

Dabei geht es nicht darum, den inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen, sondern auch anderen inneren Stimmen Raum zu geben. Ebenso kann es hilfreich sein, den Blick auf bereits vorhandene Ressourcen, Fähigkeiten und Stärken zu richten, die im Schatten der Selbstkritik möglicherweise zu wenig Beachtung finden.



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©2019 Michael Kastanek.

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